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Caroline Schlegel-Schelling (1763 -1809)

Ähnlich wie bei Germaine de Staël war auch hier ein zufällig gelesener Ausspruch der Beginn meiner unverminderten Faszination mit Caroline Schlegel-Schelling:

"Den Menschen und den Göttern zum Trotz will ich glücklich sein."

Welch innere Freiheit und Unabhängigkeit liegen in diesen Worten. Sie waren der Leitstern ihres Lebens, das sie unabhängig vom Urteil anderer und den Schlägen des Schicksals führen wollte, eine aus Geist und Gemüt gebaute eigene und innere Festung, aus der sie klar in die Welt blickte. Ihre wunderbaren Briefe bezeugen es. Caroline war sie selbst und bestand darauf, es zu sein. Welch seltene Frau! Zeitgenossin von Germaine de Staël und wie diese einzigartig, wie aus einem Stück und tragisch. Da las ich in einem Brief Carolines, daß sie Germaine de Staël kennengelernt hatte:

Ein Treffen zwischen Caroline Schlegel-Schelling und Germaine de Staël:

"Wir haben hier kurz vor Weihnachten Frau von Staël nebst ihrer Familie und Schlegel gesehn. ...Sie ist ein Phänomen von Lebenskraft, Egoismus und unaufhörlich geistiger Regsamkeit. Ihr Äußeres wird durch ihr Inneres verklärt und bedarf es wohl; es giebt Momente oder Kleidung vielmehr, wo sie wie eine Marketenderin aussieht und man sich doch zugleich denken kann, daß sie die Phädra im höchsten tragischen Sinne darzustelllen fähig ist." (München 15. Januar 1808, an ihre Jugenfreundin Luise Gotter)

Caroline sah Seelengröße in Germaine, wo andere gewöhnlich beim Äußerlichen haltmachten. Es war eine Sternstunde. Auf Anhieb fühlte ich den Wunsch, das Treffen zwischen den beiden Frauen fiktiv zu erweitern, sie Gedanken und Erfahrungen austauchen zu lassen und Neues zusammen zu erleben, in der Hoffnung, einen Zugang zu beiden zu finden. Sie waren sehr verschieden und sich doch ähnlich.

Zwei faszinierende Frauen

Die Suche nach Freiheit und Glück zeichnete beide Frauen aus, und diese Gemeinsamkeit überbrückte, was sie auf den ersten Blick trennte: soziale und ökonomische Umstände, eine andere Sprache, ein anderes Land. Germaine de Staël war ungeheuer reich, mächtig, berühmt, Caroline lebte zurückgezogen in wirtschaftlich bescheidenen Umständen, als Tochter und Ehefrau eines Professors Mitglied des angesehenen, doch politisch machtlosen Bildungsbürgertums. Auch im Temparement hatten die beiden Frauen auf den ersten Blick nicht viel Gemeinsames. Ja, Germaines pralle Lebenskraft, der Drang zu vollem Selbstausdruck in Tat und Wort fällt umso mehr auf, wenn man sie mit Carolines eher kühlen norddeutschen Zurückhaltung vergleicht. Nur sehr genaue Beobachter entdecken eine impulsive, erotische Seite in Caroline, die sie nur selten enhüllte, die sie aber eben bei einer Germaine de Staël, die alles zu verstehen und zu verzeihen versucht, in meiner Vorstellung durchaus zeigen darf. Mehr als alles, war es eine ähnliche freiheitliche Grundeinstellung zu sich und zum Leben, aus der sich für mich eine tiefere Verständigung über alle Unterschiede hinweg zwischen den Frauen entwickeln ließ. Beide Frauen wollten ihr Leben selbst bestimmen. Die Konflikte, Widersprüche und Triumphe, die sie aus diesem Grund erlebten, muten zeitlos an.

Glück und Selbstbestimmung

Beide Frauen waren von den großen Gedanken ihres Zeitalters, von der Aufklärung und der Revolution beeinflußt. Beide leiteten ihren Anspruch auf Selbstbestimmung von der Forderung nach individuellem Glück und Freiheit ab und beide blieben diesem Ideal ihr Leben lang treu. Für Germaine war dieses Ideal allumfassend, richtete sich nicht nur auf das Private, sondern auch auf die Politik und die öffentliche Meinung. Für sie umschloß die Politik alle Bereiche des Lebens. Als Tochter des mächtigen Bankiers und Finanzministers Necker wuchs sie mit Macht, Politik und Weltgeschichte auf. Sie fühlte sich berechtigt, ja berufen zu einem politischen Auftrag. Napoleon Bonaparte wurde ihr Gegner, verbannte sie, bürdete ihr das Leiden des Exils auf. Sie fand einen Sinn darin: "Es bereitet eine fast körperliche Freude, sich einer ungerechten Macht zu widersetzen." Germaines politische Rolle - sie war die einzige Frau, vor der Napoleon Angst hatte -, macht sie als historische Figur einzigartig, selbst im Rahmen der Pariser Gesellschaft, die Frauen eine größere Stimme als nirgend anderwo in Europa einräumte. Darüber hinaus macht ihre Gleichsetzung von persönlichem und politischem Streben, von individuellen und gesellschaftlichen Zielen sie zu einem modernen Frauenleitbild. Diese Lebensbreite war sicher der Grund, daß sie immer mehr in den Mittelpunkt meiner Geschichte rückte. Caroline konnte in dieser Hinsicht nicht mithalten. In Carolines Welt in Deutschland gab es keine gesellschaftliche Voraussetzung, die einer Frau eine öffentlich/politische Stimme zugestanden hätte. Doch die Lust, den Blick auf die Geschichte und die politischen Ereignisse zu richten und gar öffentlich Stellung zu beziehen, ergriff auch Caroline. Die Gelegenheit ergab sich. Mainz wurde Republik unter den Franzosen. Caroline hielt sich zu dieser Zeit dort auf und verfiel der Faszination der Ideen der Revolution. Doch bald behauptete sich die alte feudalistische politische Ordnung unter Führung Preussens. Mainz wurde eingenommen, Caroline verfemt und verdammt, grausam für ihren Versuch das Ideal zu leben bestraft, mit Festungshaft und lebenslänglichem Exil aus ihrer Heimatstadt Göttingen. Wie die gesamte deutsche Intelligenz zog sie den Schluß, daß das Ideal in der Welt der Gedanken bleiben mußte und zog sich in ein ganz privates Leben zurück.

Die Rolle der Väter

Bei beiden Frauen spielte der Vater die größere Rolle als die Mutter. Carolines Interesse an der Welt der Gedanken und am geschriebenen Wort und wohl auch ihr erotisches Temperament kamen vom Vater, dem über Deutschlands Grenzen hinaus bekannten Johann David Michaelis, Professor der Theologie in Göttingen, in seinen Vorlesungen für angeblich zotige, sprich erotisch orientierte Witze beliebt. Für Germaine de Staël war der Vater, der Bankier und Finanzminister Ludwig des XVI, Jacques Necker, der unübertroffene und nie wieder erreichte Standard für alle Lebensbereiche, emotional, denkerisch und vor allem politisch. Sie verinnerlichte seine republikanische Sicht und seinen Mut, seine Stellung bei Hof und Regierung zu vertreten. Doch während Germaine versuchte, das vergötterte Vorbild des Vaters im eigenen Leben zu verwirklichen, näherte sich Caroline dem Vorbild des Vaters durch den Ehemann an. Als Schelling einen Orden vom bayrischen König erhält, bemerkte Caroline mit Genugtuung, daß es ihr Mann nun so weit wie ihr Vater gebracht hätte. (Auf die Rolle von Germaines Mutter lohnte es sich weiter einzugehen; denn im Gegensatz zu Carolines Mutter, eine auf Haus und Kinder bezogene Postmeisterstochter, war Germaines Mutter die Tochter eines calvinistischen Pastors, war hochgebildet und intelligent und verstand ihren Mann mit der Welt der Macht zu verbinden.)

Literarischer Selbstausdruck

Beide Frauen hatten eine literarische Begabung und den Drang zum Selbstausdruck. Germaine übte ihr Talent ungehindert aus, ungeachtet aller bösen Kritik und Anfeindung, veröffentlichte Artikel, Abhandlungen, Flugzettel, - darunter einen direkt an die Frauen von Paris gerichtet mit der Bitte um Mitleid mit Marie - Antoinette, Mitleid mit einer Mutter, in der Hoffnung, diese dadurch vom Schaffott zu retten -, Romane wie'Delphine' und' Corinne', Denkschriften und ihr großes zweibändiges Werk 'Über Deutschland'. Caroline beschränkte sich aufs Briefeschreiben. Warum diese Beschränkung bei einer so außerordentlich literarisch begabten Frau bleibt unerklärt. Schreiben war Frauen ihrer Zeit ja durchaus erlaubt, wenn auch ihre Werke oft unter einem anderen Namen erschienen Carolines Männer animierten sie zum Schreiben. Doch sie verweigerte sich ihrem eigenen.Talent gegenüber. Was stand hinter ihrem Verzicht? Gesellschaftliche Zwänge, persönliche Widersprüche, Ängste? Es bietet sich an, ihre Haltung zu romantisieren, mit ihrer Rolle der Muse bie ihren Männern in Zusammenhang zu bringen, die, wie man ihnen nachsagte, sie maßlos liebten. Hatte sie Angst davor, ihre Aussichten auf Liebe zu verscherzen, sollte sie sich auf den eigenen schöpferischen Prozess einlassen, und die Aufgabe der Muse dadurch zu schmälern? Germaines meist erfolglose Jagd nach Liebesglück war vielleicht ein Beispiel dafür, daß man als Frau, ungeachtet berechtigter Ideale, zwischen Liebe und Ruhm zu wählen hatte. So ist Carolines Talent in das Werk ihrer Männer eingegangen, während Germaines eigene Werke wie'Über Deutschland' den Ruhm der Nachwelt sicherten.

Verlust der Kinder

Beide Frauen waren Mütter und erfuhren das damals so häufige Leid, ein Kind durch den Tod zu verlieren. Fast unvorstellbar für uns heute. Germaines erstgeborenes Kind starb im 2. Lebensjahr. Ihr Sohn Albert kam als 18 jähriger in einem Duell um. Caroline verlor alle ihre vier Kinder, ihr Erstgeborenes, die Tochter Auguste, mit 15 Jahren. Ihr Schmerz über diesen Verlust ist herzzerreißend.

Caroline, Germaine und die Liebe

Die Liebe spielte bei beiden Frauen eine zentrale Rolle. Rousseaus Buch' Une Nouvelle Heloïse' stellte die Weichen: von mädchenhafter Schwärmerei von der großen Liebe in der ersten Ehe, die wenig Erfüllung bringt, zur Beharrung auf das Recht auf Glück und Selbstbehauptung. Die verwitwete Caroline, fast mittellos, schlägt eine günstige Partie aus, weil sie den Mann nicht liebt. Germaine geht davon aus daß, wenn man nach der "Liebe, der höchsten Macht des Herzens sucht", man es sich nicht leisten kann, bei der falschen Liebe zu bleiben. Sie geht von einer Liebe zur anderen, oft zur gleichen Zeit, und kommt immer wieder zu dem Schluß: "Nie wurde ich so geliebt, wie ich liebe." Caroline findet die Liebe durch J.W.Schelling, und hält sie fest, greift mutig nach dem Kairos des seltenen Glücks. (Über Caroline und Schelling mehr.) Nach einem ruhmvollen und rastlosen Leben zieht Germaine traurig Fazit: "Ich suchte den Ruhm, und meinte die Liebe."

Ein früher Tod

Beide Frauen sterben relativ jung. Caroline mit 46 Jahren an der Ruhr, an der selben Krankheit, der die Tochter Auguste zum Opfer fiel. Germaine mit 53 Jahren erliegt einem Schlaganfall, der sie völlig lähmt, nach ihrer triumphalen Rückkehr nach Paris, während Napoleon auf Sankt Helena seine Memoiren diktiert. Beide Frauen sind erschöpft, ausgelaugt von ihrem tapferen Versuch, glücklich zu sein, dem Selbst und dem eigenen Ideal treu zu bleiben, sich zu behaupten, vor sich, der Gesellschaft und dem Schicksal, müde der eigenen Widersprüche und der Hindernisse, die ihnen von der Gesellschaft und dem Schicksal in den Weg gestellt werden.

Die Angst vor selbstbewußten Frauen

Auch in der Sicht der Nachwelt haben die beiden Frauen Gemeinsames. Sie blieben umstrittene Gestalten, die manche noch heute unangenehm herausfordern. Keine Würdigung oder Verständnis sind zu erwarten von Frauenhassern, Puritanern, Heldenverehrern und Autoritätsanbetern. Bei beiden Frauen klingt besonders in männlichen Stimmen, selbst zeitgenössischen, Angst mit, die Angst vor der selbstständigen Frau, die Herz und Seele des Mannes zu füllen vermag. Eine Bedrohung allzumal. Als Nekrolog auf Caroline ließ Hegel, Studienkollege von Schelling, vernehmen: "Jene Septem (= Böse Sieben), deren Tod wir neulich hier vernommen und von der einige die Hypothese aufgestellt haben, daß sie der Teufel geholt habe." Charlotte Schiller glaubte zu wissen: "Für manche seiner Freunde ist es doch, als wäre ein Gefesselter befreit." (Vergleiche dazu den Nachruf des angeblich Gefesselten). In einem zeitgenössischen Urteil, findet man die gönnerische Sicht, daß Caroline angeblich froh sein durfte durch ihre Ehe mit Schelling endlich im sicheren Hafen angekommen zu sein, befreit von den Gefahren des Leichtsinns und der Eitelkeit, und durch ihren frühen Tod dem Prozess des Alterns entronnen zu sein.

Bei Germaine de Staël werden Vorurteile ihrer Zeitgenossen zum Teil einfach übernommen. Z. B. heißt es in einem 1995 in Frankreich erschienenen Lexikon über die Zeit Napoleons..."eine große knochige Frau, häßlich und anmaßend, Germaine Necker widmet sich einem verlorenen Kult für ihren politisch gescheiterten Vater, und glaubt auch für sich an eine große Karriere... . Nun, unser Blaustrumpf glaubt, die Busenfreundin von Bonaparte zu werden und aus ihm einen großen Liberalen zu machen. Doch der Korse fühlt sich sehr unbequem mit dieser "männlichen" Person, die ihn belehren möchte..." Es ist mir nicht gelungen in diesem wissenschaftlich fundierten Lexikon einen Beitrag über eine bedeutende männliche Figur zu finden, die mit der Beschreibung des Knochenbaus beginnt.

 




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